Katja Brandis im Interview
Am 30. April 2026 erhielt die Bestsellerautorin den Heidelberger Leander
Von den Heidelberger Literaturscouts Anna und Natalia
Anna: Was fasziniert Sie an Jugendbüchern beziehungsweise generell an den Genres, in denen Sie schreiben?
Katja Brandis: Jugendbuch finde ich toll, weil es so eine spannende Lebensphase ist. Vieles macht man zum ersten Mal. Damit sind wahnsinnig starke Gefühle verbunden. Später, wenn das Leben in ruhigen Bahnen dahingleitet, kommt das nur noch selten vor. Man ist jetzt erwachsen, okay. Aber diese Jugend-Phase, das Coming of Age, wie man das ja auch nennt, die finde ich wahnsinnig spannend. Und deswegen – und weil ich Kinder und Jugendliche sehr mag - schreibe ich gerne Jugendromane.
Anna: Welche Szene hat Ihnen beim Schreiben am meisten Spaß gemacht?
Katja Brandis: Von allen Büchern?
Anna: Ja.
Katja Brandis: Ich glaube, das war das erste Kapitel von “White Zone”. Es hat Spaß gemacht aus der Perspektive von Crash, einer jungen Auto-Crasherin, zu schreiben. Sie ist einfach vollkommen respektlos und hart drauf und mich in sie hineinzuversetzen war extrem lustig. Der Roman hat mir richtig viel Spaß gemacht. Aber Woodwalkers hat mir natürlich auch Spaß gemacht. Ich schreibe supergerne in Ich-Erzählung. Wenn ich mich dann in die Person hineinversetze und eine witzige oder spannende Szene schreibe, dann ist das immer noch das, was mir am meisten Spaß macht.
Anna: Gab es auch eine bestimmte Szene, die Ihnen besonders schwerfiel?
Katja Brandis: Da muss ich spoilern, aber gut. Wer die erste Staffel [von Woodwalkers] noch nicht kennt, bitte weghören.
Wenn Leute im Showdown der Reihe sterben, dann ist das auch für mich hart. Ich muss dann auch heulen. Das ist manchmal superschwierig. Wenn ich schreibe, gucke ich immer ein bisschen, dass ich mich nach meiner Stimmung richte. Ich kann zum Beispiel keine traurige Szene schreiben, wenn ich super drauf bin. Und umgekehrt funktioniert das auch nicht. Die Stimmung muss also passen und manchmal helfe ich ein bisschen mit Musik nach, um in die passende Stimmung zu kommen. Und wenn ich gerade nicht in der passenden Stimmung bin, um zum Beispiel etwas Witziges zu schreiben, dann notiere ich an dieser Stelle: “Hier kommt eine witzige Szene rein.” Die schreibe ich dann, wenn ich besser drauf bin.
Natalia: Welches von ihren eigenen Büchern mögen Sie am liebsten?
Katja Brandis: Ich mag “Die Jaguargöttin” wahnsinnig gerne. Und die Fortsetzung: “Der Panthergott”. Als Nächstes schreibe ich wieder einen historischen Fantasy-Roman.
Natalia: Am Anfang, als Sie noch nicht so bekannt waren, war es da schwer, einen Verlag für Ihre Bücher zu finden?
Katja Brandis: Oh ja, das war sehr schwer. Es hat mehrere Jahre gedauert. Zum Beispiel habe ich von einem Verlag – Ueberreuter -, bei dem es dann später geklappt hat, erst mal keine Antwort bekommen. Nach drei Monaten habe ich mich getraut, dort mal anzurufen und nachzufragen. Es hieß, dass sie es sich in den nächsten drei Wochen anschauen. Drei Monate später habe ich noch mal nachgefragt. Danach habe ich es aufgegeben. Und ein Jahr später haben sie sich gemeldet. In der Zwischenzeit hatte sich aber meine E-Mail-Adresse geändert. Ich habe die Nachricht also erst gar nicht gekriegt. Zum Glück hatte ich noch dieselbe Telefonnummer und war dann überrascht, als ich angerufen und gefragt wurde, wie es denn nun mit dem Termin auf der Buchmesse aussähe. Wie sich herausstellte, wollten sie mich dort treffen und einen Vertrag mit mir machen. Aber wie gesagt, die Mail mit der Anfrage hatte mich nie erreicht.
Natalia: Sie schreiben für Arena, arbeiten aber auch mit anderen Verlagen zusammen.
Katja Brandis: Das stimmt. Aber ich schreibe auch sehr verschiedene Sachen. “Drachendetektiv Schuppe” habe ich zum Beispiel mit Fischer gemacht. Und an meinen älteren Fantasy-Romanen, die neu aufgelegt wurden, war Arena einfach nicht interessiert. Fischer wollte sie aber haben. Und bei meiner Graphic Novel haben sie mich einfach gefragt: „Hast du Lust, mal eine Graphic Novel auszuprobieren?“ Und ich dachte: „Wieso nicht?” Habe ich noch nie gemacht. Und alles, was ich noch nie gemacht habe, finde ich irgendwie interessant. Darum gibt es jetzt “Nico und Daimon” bei Fischer. Das hat wirklich Spaß gemacht. Aber Arena ist mein Hauptverlag. Trotzdem ist es nicht so wie in einer Ehe, also nicht so exklusiv. Man kann durchaus mal mit dem einen das machen und dem anderen etwas anderes ... Bei Knesebeck habe ich zum Beispiel den kleinen „Warumwolf“ veröffentlicht. Aber das sind im Großen und Ganzen meine Verlage: Arena, Fischer und ein bisschen Knesebeck.
Anna: Wie lange schreiben Sie an einem Buch?
Katja Brandis: Für einen Woodwalkers-Roman brauche ich ungefähr drei Monate und für einen dicken Roman wie die Jaguargöttin – das sind immerhin fünfhundert Seiten -, da brauche ich sechs Monate. An meinem allerersten Roman, der später veröffentlicht wurde, habe ich tatsächlich vier Jahre gebastelt. Da wusste ich auch noch nicht, wie das geht, und musste alles erst mal ausprobieren. Vieles habe ich auch einfach wieder weggeschmissen, drei Kapitel einfach tschüss, weg, hat nicht funktioniert. Das war sehr anstrengend, aber natürlich auch sehr aufregend. Ich habe heute noch fünfzehn komplette Buchmanuskripte aus meiner Jugend in der Schublade liegen. Die sind nie gedruckt worden. Die sind aber auch einfach nicht gut genug. Irgendwann muss man anfangen und üben, wie das geht. Daher dürfen diese Manuskripte auch gerne in der Schublade bleiben.
Anna: Schreiben Sie manchmal auch an mehreren Büchern gleichzeitig oder immer nur an einem?
Katja Brandis: Früher, als ich noch als Journalistin und Lektorin gearbeitet habe, da habe ich oft an einem Sachbuch und einem Roman parallel geschrieben. Sachbuch war eher Arbeit und Roman war eher Spaß. Und heute kann ich den ganzen Tag Spaß haben. Ist doch toll, oder?
Anna und Natalia: Ja, sehr toll.
Katja Brandis: Ich schreibe also nur noch an einem Roman und kann dann wirklich drinbleiben in dieser Welt. Wenn ich zum Beispiel spazieren gehe, dann denkt mein Gehirn irgendwo im Hintergrund weiter über die Handlung und über die Figuren nach. Und manchmal habe ich dann einen Einfall, manchmal auch mitten in der Nacht. Wenn man in der Geschichte drinbleiben kann, ist das wirklich sehr praktisch.
Anna: Haben Sie manchmal Schreibblockaden? Und wenn ja, wie gehen Sie damit um?
Katja Brandis: Früher hatte ich ziemlich viele Schreibblockaden. Das lag daran, dass ich einfach schlecht geplant hatte. Ich wusste ja noch nicht, dass man ein Exposé schreibt und die Handlung erst mal zusammenfasst. Ich habe einfach drauf los geschrieben, was mir gerade eingefallen ist. Das ist leider nicht so gut, wie ich dann festgestellt habe. Denn oft weiß man nicht, wie es weitergeht. Und dann hab ich eine Schreibblockade gekriegt. Jetzt plane ich das Projekt. Ich schreibe die Handlung auf ungefähr fünf Seiten einmal runter von Anfang bis Schluss, die gesamte Handlung mit allen Figuren. Dann habe ich sie einmal richtig durchdacht - was funktioniert, was nicht? - und mit anderen diskutiert. Dann weiß ich schon mal Bescheid und habe die Figuren bereits ein bisschen entwickelt. So habe ich nicht ständig das Problem, wie die Geschichte weitergehen und wie sie ausgehen soll.
Es gibt ja auch Bauchschreiber, die einfach spontan schreiben. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sich leichter lebt, wenn man plant. Viel leichter.
Anna: Und an welchem Ort und zu welcher Tageszeit schreiben Sie am liebsten? Wo holen Sie sich Ihre Motivation her?
Katja Brandis: Ich habe ein Büro in meinem Haus. Da kann ich sehr gut schreiben. Am liebsten früh morgens, wenn noch keiner wach ist und keiner was von mir will. Und weil tagsüber viele Leute viel von mir wollen, habe ich jetzt ein Büro, wo ich wirklich meine Ruhe habe. Dann mache ich die Tür zu und das Telefon aus. Dort kann ich mich zurückziehen. Familie, Anrufe und Postboten: die müssen draußen bleiben.
Natalia: Träumen Sie manchmal von Szenen oder Figuren aus Ihren Büchern?
Katja Brandis: Ja, ab und zu kommt das vor. Manchmal reden die Figuren sogar in meinem Kopf. Das schreibe ich dann mit. Und da sie Englisch reden, weil die Geschichte in Amerika spielt, muss ich das anschließend erst mal übersetzen, um es auf Deutsch aufzuschreiben.
Natalia: Cool. Haben Ihre Träume Sie auch schon zu Szenen inspiriert?
Katja Brandis: Nein, das waren eher ein bisschen irre, wirre Träume. Aber ich habe im Traum tatsächlich schon Hinweise auf meine zweite Gestalt bekommen. Ich lasse euch mal raten: Ich schwimme durchs Meer und dann schieße ich nach oben aus dem Wasser heraus und tauche wieder ein. Und?
Anna und Natalia: Delfin.
Katja Brandis: Delfin. Genau. Das sind solch wunderschöne Träume und danach gehe ich sofort ins Schwimmbad und versuche, es nachzumachen. Aber selbst mit Flossen geht's nicht. Der menschliche Körper ist nicht dafür gemacht. Das ist dann sehr schmerzlich, diese Sehnsucht nach diesen Bewegungen, dieses mühelose Durchs-Wasser-Gleiten. Wahrscheinlich bin ich also ein Delfin. Ich gehe morgen auch hier in Heidelberg schwimmen.
Natalia: Welche Charaktere aus Ihren Büchern mögen Sie am meisten?
Katja Brandis: Das ist ganz unterschiedlich. In “Freestyler” gibt es eine männliche Hauptfigur, Ryan. Den finde ich schon ziemlich cool. In der Jaguargöttin mag ich Ecco, den Pantherwandler. Und in “Woodwalkers”, Tikaani, die Polarwölfin, und Holly, das Rothörnchen. Es gibt eigentlich in jedem Buch sehr viele, die ich gern mag. Shari in “Seawalkers”. Wenn sie in meinen Büchern mitspielen wollen, muss ich sie auch mögen. Das heißt, meine Lieblingsfiguren kriegen die Hauptrolle.
Anna: Vergleichen Sie manchmal Menschen mit Ihren Figuren? Oder gibt es Momente, in denen Personen Sie an Ihre Figuren erinnern?
Katja Brandis: Es ist mir tatsächlich schon passiert, dass ich in der S-Bahn jemanden gesehen hab, der einer meiner Figuren aus meinen Daresh-Romanen total ähnlich sah. Am liebsten hätte ich ihn fotografiert. Aber man kann natürlich nicht einfach so wildfremde Leute fotografieren. Ein andermal habe ich eine Figur in einer Zeitschrift beim Arzt entdeckt. Da habe ich heimlich die Seite herausgerissen und aufgehoben. Manchmal passiert mir das also schon. Es kommt auch vor, dass ich die Figuren zeichne, wenn ich genau weiß, wie sie aussehen. Und meistens weiß ich sehr genau, wie sie aussehen. Wenn ich dann jemanden in echt treffe, der so aussieht, erkenne ich meine Figur gleich wieder.
Natalia: Sie haben auch ein Buch geschrieben mit Tipps für junge Autoren. Was würden Sie allgemein jungen Autoren raten?
Katja Brandis: Ich finde es sehr wichtig, dass viel Dialog vorkommt. Ich schreibe wahnsinnig gern dialogreich. Das macht den Text anschaulich und lebendig. Außerdem sollte man darauf achten, dass viel Konflikt passiert. Das macht den Text spannend. Im wirklichen Leben wollen wir zwar, dass alles glatt geht, aber in Büchern ist das total langweilig. Darum: viele innere Konflikte, äußere Konflikte - jemand muss sich durchsetzen, durchbeißen, muss Hindernisse überwinden … Dann fiebern wir mit - wenn wir die Figur mögen. Figuren sind sehr, sehr wichtig. Also unbedingt sympathische Figuren mit Fehlern und Schwächen erfinden, die man richtig, richtig gut kennt. Nicht einfach nur drei Eigenschaften, sondern vielleicht zwanzig Eigenschaften oder Angewohnheiten oder Dinge aus der Vergangenheit mit einfließen lassen. Manche Figuren wirken wie Pappaufsteller, sie haben nur drei Eigenschaften und das finde ich immer ein bisschen schade.
Natalia: Wir haben noch eine letzte Frage: Was würden Sie Ihrem jugendlichen Ich gerne sagen wollen?
Katja Brandis: Das ist echt schwierig, weil bei mir so viel gut gelaufen ist. [denkt nach und lacht] Also ich würde mein jugendliches Ich vor einem jetzigen Ex-Freund warnen. Aber beruflich ist es super gelaufen. Da kann ich nicht meckern.
Natalia: Ja, Sie haben ja auch das Glück, von Ihrem Schreiben leben zu können.
Katja Brandis: Ja, genau. Das ist super cool. Und zudem kann ich das schreiben, was ich schreiben will. Manchmal muss man für Geld Sachen schreiben, die einen vielleicht gar nicht so sehr interessieren. Aber man weiß, dass die Leute es kaufen. In meinem Fall kaufen die Leute das, was ich auch schreiben will. Das ist super. Also von daher: Danke auch an euch!
