Zwischen Russland und Deutschland – Stimmen aus Vergangenheit und Gegenwart

Interview mit Ira Peter und Inna Hartwich im DAI bei der Veranstaltung am 25.02.2026

von den Heidelberger Literaturscouts Alina und Annemarie

Lena Joehnk  Im zweiten Teil des Abends haben wir heute mal wieder zwei Heidelberger Literaturscouts zu Gast, beide haben durch ihre Familiengeschichten direkten Bezug zum Thema. Uns interessiert natürlich sehr, wie es euch mit der Lektüre der Bücher der Autorinnen ergangen ist. Annemarie, du hattest Innas Buch und Alina, du hattest Iras Buch. Ihr habt jeweils Fragen vorbereitet. Ich gebe mal hier das Mikro gleich an dich, liebe Annemarie. 

Annemarie     Als ich das Buch Friedas Enkel gelesen habe, hat es mich sehr berührt, wirklich. Ich fand die Geschichte sehr spannend. Es war sehr informativ und zugleich persönlich geschrieben. Das fand ich sehr schön. Im Buch ziehst du die Linien von der Gewalt unter Stalin bis hin zum heutigen Russland unter Putin. Glaubst du, dass die aktuelle Politik ohne dieses Erbe der Gewalt überhaupt so möglich wäre? 

Inna Hartwich    Wow.

Applaus vom Publikum.

Inna Hartwich    Ich bin keine Prophetin, deshalb lässt sich das nicht so einfach beantworten. Aber es lässt sich auf jeden Fall sagen, dass unverarbeitete Verbrechen, unverarbeitete Erfahrungen, Erinnerung, die verdreht wird, zu nichts Gutem führt, wie man jetzt sieht. Und die Verdrehungen heutzutage sind ebenso erschreckend. Und über die Toten von heute spricht man auch nicht. Alles versinkt in Schweigen. Das heißt auch, unsere und eure Generationen werden damit noch einige Jahrzehnte zu tun haben. Und wir müssen auch wissen: Russland wird bleiben und uns noch Jahrzehnte hinaus beschäftigen. Was da passiert, gerade auch mit den Kindern, die, letztlich von Geburt an, indoktriniert werden, wird uns sehr beschäftigen. Deshalb dürfen wir auch hier in Deutschland nicht vergessen, Fragen zu stellen und Familiengeschichten nachzugehen, um darüber zu verstehen, was da eigentlich passiert oder nicht passiert und nicht passiert ist. 

Inna Hartwich, Ira Peter, Literaturscouts Annemarie und Alina, Dr. Lena Jöhnk (Direktorin DAI), Ingeborg von Zadow (Projektleitung "Heidelberger Literaturscouts") (Foto: Sarina Chamatova/DAI).

Alina   Ira, ich habe mir während der Lektüre deines Buches Deutsch genug? die Frage gestellt, was du für Herausforderungen während deiner Recherche hattest. Meine Oma hat sowas auch gemacht und sie hatte total Probleme, ihre Verwandten zum Reden zu bekommen. Hast du das auch erlebt? 

Ira Peter    Danke für deine Frage. Mein Buch ist sehr persönlich erzählt und es ist trotzdem ein Sachbuch. Das heißt, ich habe ganz viele Statistiken drin und versuche das Ganze in einem geschichtlichen und politischen Kontext einzusetzen, um zu zeigen, dass meine Familiengeschichte eigentlich nicht individuell ist, sondern dass das, was meine Familie in der Sowjetunion, aber auch nach der Umsiedlung in Deutschland erlebt hat, das ist, das ganz, ganz viele andere Familien genauso erlebt haben.
Bei mir war es nicht so schwierig, innerhalb der Familie an Informationen zu kommen. Ich hatte eher das Gefühl, dass alle nur darauf gewartet haben, dass man sie endlich fragt und sie dann erzählen können. Da ist meine Familie vielleicht ein bisschen anders als deine, bei uns erzählen sie alle sehr gerne und ich liebe ja Geschichten und höre gerne zu. 
Die Herausforderung bei der Recherche war eher, an eine vernünftige Datenbasis zu bestimmten Themen zu kommen, wie zum Beispiel Eingliederungsleistungen oder wie viele Berufsabschlüsse, die mitgebracht worden sind, anerkannt wurden und so weiter. Da an Zahlen heranzukommen, war wirklich schwierig. Ich habe sehr viele Ministerien angerufen und angeschrieben und die haben mich immer alle vertröstet und gemeint, fragen Sie doch im Bundesarchiv nach. Und ich dachte, ja klar, die im Bundesarchiv haben nichts Besseres zu tun, als deren Versäumnisse irgendwie für mich zu recherchieren. Das war echt schwierig und ich musste mich wirklich teilweise bei manchen Themen durch Berichte aus den Bundestagssitzungen quälen. Die sind zum Glück online digital verfügbar, auch die aus den 80ern, und da konnte ich dann einige valide Informationen zusammensammeln. Ich habe das Gefühl, dass Deutschland so ein paar Themen gerne unter den Teppich kehren möchte, z.B. was bei der Integration nicht so gut gelaufen ist, und deswegen ist es da mühsam, tatsächlich Zahlen zu finden. 

Annemarie     Im ersten Teil des Abends ging es ja auch um das Thema mit den Familiengeschichten und wie ihr die erforscht habt. Was würdest du, Inna, jungen Menschen in Russland sagen, die Angst haben, ihre eigene Familiengeschichte zu erforschen? 

Inna Hartwich    In Russland. Heute. Pause. Also, es ist immer gut, Fragen zu stellen und dem nachzugehen und mit den eigenen Eltern anzufangen, ist ein erster Schritt. Das Problem in Russland heutzutage ist, dass es ja nicht nur die eigene Familie gibt, sondern diesen großen Staat. Und der tut so ziemlich alles dafür, dass die Geschichte umgeschrieben wird. Es gab zum Beispiel in Moskau bis vor einem Jahr ein Gulag-Museum. Eine durchaus bemerkenswerte Einrichtung, auch wenn da die Verantwortlichen des Gulag nie genannt wurden. Aber wenn man einigermaßen klug ist, hat man durch die Ausstellung verstanden, was da eigentlich gezeigt wird und dass der eigene Staat das eigene Volk getötet hat. Ich war mehrmals in diesem Gulag Museum und war jedes Mal erstaunt, wie viele junge Menschen dorthin gehen und wie fertig sie nach diesem Museumsbesuch sind, weil sie dann verstehen, dass es ihr Staat ist und sowas eigentlich nicht passieren darf. 
Das Problem ist: das Gulag Museum gibt es nicht mehr, es wurde vor einem Jahr geschlossen, um die Feuerbestimmungen zu überprüfen. Es wird neu eröffnet als Museum für die Nazi-Verbrechen gegen die Sowjetunion und um zu zeigen, dass im Westen damals alles Nazis waren, so wie jetzt ja angeblich auch. Dieses Kapitel verschließt sich. 
Also, man kann seine eigene Familie fragen, aber der Rahmen über die Familie hinaus, der wird immer enger. Wenn man in die Archive geht, kann man noch einiges herausfinden. Es gibt viele Leute, auch in Russland, die russischen Jugendlichen hierbei helfen würden. Das Problem ist, dass es gefährlich ist. Und das große Risiko ist, dass man dir vorwerfen könnte, dass du den Nazismus gutheißt. Das ist im heutigen Russland ein Straftatbestand. 
Ich würde den Jugendlichen in Russland tatsächlich raten, tut so viel wie ihr könnt, aber versucht, euch nicht selbst zu gefährden. Wobei das ein hehrer Ratschlag ist, weil man nie weiß, wo man sich selbst gefährdet. Es gibt keine rote Linie, die werden immer verschoben. Und bei dem einen klappt es, der kann vielleicht noch irgendwo hinreisen, wo man das Grab des Ururgroßvaters findet. Ich fand es faszinierend, dass es so 2018, 2019, wirklich Gruppen an jungen Menschen gab, die an ehemaligen Gulag-Orte - von denen sehr, sehr wenig übriggeblieben ist - gereist sind und da noch kaputte Schuhe fanden, Zahnbürsten, solche Dinge. Aber sie wussten, da war mein Verwandter und der wurde da womöglich getötet, der wurde da gefoltert und so weiter. Das hilft, um zu verstehen, in was für einer Realität man auch selbst lebt. Heutzutage ist vieles, was das staatliche Handeln in Russland in Frage stellt, sehr, sehr schwierig und mit gewissen Gefahren verbunden. Und man möchte keinem raten, dass er in einen Knast wandert.

Lena Jöhnk     Da wird auch das Motto vom Memorial „Erinnern ist Widerstand“ sehr schön deutlich.

Inna Hartwich    Ja, und Memorial ist in Russland verboten.

Lena Jöhnk     Du hast noch eine Frage mitgebracht, Alina. 

Alina   Ihr hattet vorhin erwähnt, dass ihr euch wünscht, dass die Geschichte der Russlanddeutschen in den Schulen Thema wird. Gibt es irgendwas, was ihr uns und vielleicht auch anderen jungen Menschen mitgeben wollt? 

Ira Peter     Ja genau, die Schulen. Es gibt ein paar ganz gute Beispiele. In Hessen, ich glaube auch teilweise in Baden-Württemberg, ist die Geschichte der Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion tatsächlich mittlerweile in Lehrplänen enthalten. Ob es dann tatsächlich unterrichtet wird, ist dann aber immer auch vom Lehrer oder der Lehrerin abhängig. Also, da tut sich etwas, es könnte ein bisschen schneller gehen. Und generell, ja, was ich jungen Menschen jetzt unabhängig von der Geschichte der Russlanddeutschen empfehlen würde: einfach Fragen zu stellen, die Eltern befragen, die Großeltern, solange man welche hat. Das ist ja ein Schatz. Ich hatte nicht mehr die Möglichkeit, meine Großeltern zu interviewen, es hilft immer, seine eigene Herkunft zu kennen. Wenn du dich selbst verorten kannst, wenn du weißt, woher du kommst und was vielleicht auch die Stärken innerhalb deiner Familie sind, dann kannst du dich auch besser nach vorne orientieren und deine Zukunft besser gestalten. 
Beispielsweise hat es mir unglaublich dabei geholfen, meine Scham zu überwinden, als ich dann peu à peu erfuhr, dass meine Großeltern wirklich in einer vollkommen unmöglichen Lebenssituation in dieser Sondersiedlung in Nordkasachstan überlebt hatten, dass sie diese Kraft aufgebracht hatten. Und dass meine Eltern hier in Deutschland sich mitten in ihrem Leben, sie waren 37 Jahre alt, als sie herkamen, ein zweites aufgebaut haben. Das erfüllt mich mit so viel Dankbarkeit, dass ich von diesen starken Menschen abstamme, dass ich nur wahnsinnig großen Respekt für sie übrig habe. Und deswegen: es hilft immer. Mein wichtigster Ratschlag an jüngere Menschen ist, interessiert euch generell für Geschichte, für eure eigene, aber auch für die Geschichte all der Menschen, die sonst in diesem Land leben, sehr viele Menschen sind ja auch gar nicht hier geboren und haben in ihren Heimaten sonst was erlebt. Sich gegenseitig die Geschichten zu erzählen, aber auch zuzuhören und daraus zu lernen und einfach Respekt füreinander zu haben, ist extrem wichtig.

Applaus.

Großes Publikumsinteresse: die gefüllte Bibliothek im DAI (Foto: Sarina Chamatova/DAI).

Annemarie     Ich habe noch eine Frage. Wenn du, Inna, die Möglichkeit hättest, deiner Großmutter Frieda das Buch zu zeigen, das du geschrieben hast, was denkst du, würde sie wohl dazu sagen? 

Inna Hartwich     Ich glaube, sie würde mich aus dem Haus jagen. Gelächter. Als erstes würde ich sie umarmen. Meine Großmutter war eine schwierige Frau und als Kind hatte ich auch Angst vor ihr und verstand einfach nicht, warum ein Mensch so böse ist. So empfand ich das. Mit den Recherchen zu ihrem Leben, mit den Geschichten von ihren Kindern, die ich noch befragen konnte, habe ich besser verstanden, was meine Großmutter eigentlich alles erleiden und erdulden musste. 

Alina   Ira, wie gehen Sie damit um, wenn Ihnen im Alltag Vorurteile begegnen?

Ira Peter    Ich heiße ja mit vollem Namen Irina und Ira ist die Kurzform. Mit 13 hatte ich die Möglichkeit, meinen Vornamen abzustoßen. Das wird im Sinne der Integration tatsächlich immer noch so gemacht, dass man den Namen als Spätaussiedlerin eindeutschen kann. Sie kennen bestimmt alle Eugens, die hießen irgendwann mal Evgeni oder Waldemars, die mal Wladimir hießen. Und aus mir sollte eine Irene werden oder eine Yvonne, ich hätte mir irgendwas mit I aussuchen können. Wir waren überhaupt nicht darauf vorbereitet. Meine Eltern hatten mir in der Sowjetunion einen russisch klingenden Namen gegeben, weil sie nicht wollten, dass ich als Deutsche diskriminiert werde. Und jetzt sollte ich mir in Deutschland einen deutschen Namen geben lassen, damit ich hier nicht diskriminiert werde? Das fand ich schon mit 13 ziemlich albern. Ich bin bei Irina geblieben. Ich habe mir dann selbst einen Namen gegeben. Ich ließ mich Kea nennen, damit meine Herkunft bloß nicht irgendwie irgendwo durchscheint. 
Mittlerweile stehe ich ganz anders dazu, wenn mich jemand auf meine Herkunft anspricht. Dann muss er viel Zeit mitbringen, so wie Sie heute Abend. Und manchmal bin ich auch echt sauer, manchmal fluche ich auch auf der Bühne, weil mich einiges echt so wütend macht. Wenn zum Beispiel aus dem Publikum behauptet wird, die Mehrheit der Russlanddeutschen würden die AfD wählen - das stimmt einfach nicht. Etwa 20 bis 30 Prozent wählen zwar die in Teilen gesichert rechtsextreme Partei, die meisten tun das aber nicht. Aber im Großen und Ganzen bleibe ich ruhig und erkläre auch zum hundertsten Mal, dass Russland in „Russlanddeutsch“ sich auf das zaristische Russland bezieht und nicht auf die russische Föderation heute und so weiter und so fort. Es ist wichtig, dass wir im Dialog bleiben. Gerade online habe ich das Gefühl, dass man sich sofort streitet und dann das Gespräch zu Ende ist. So kann keine Gesellschaft friedlich existieren. Deswegen ist es wichtig, dass wir weiterhin und auch zum zwanzigsten Mal alles erklären und geduldig bleiben. Ich wurde kürzlich als Deutsche mit kasachischen Wurzeln beschrieben. Also, ja, long, long story. 

Applaus.

Lena Joehnk    Ganz, ganz herzlichen Dank. Ihr habt unglaublich viel erklärt und viele Einblicke mit uns geteilt. Ganz großen Dank für eure Offenheit hier auf der Bühne. Ganz großen Dank an dich, Annemarie, und an dich, Alina. Und an Sie alle im Publikum. Ich kann Sie nur ermuntern, zuzuhören, Fragen zu stellen, sich noch zu unterhalten, einen Moment noch zu bleiben. Ira Peter und Inna Hartwig sind noch hier zum Signieren, der Büchertisch ist noch da, was zu trinken gibt es auch noch. Bleiben wir noch einen Moment und stellen uns gegenseitig Fragen. Ganz herzlichen Dank und einen schönen Abend.

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