Zwei Zuhause sind kein Zuhause
von Lea Pfisterer
Der Moment, in dem ich meine Welt in die Luft geworfen habe, war eigentlich ein
ganz normaler Mittwoch. In der Schule sollten wir an diesem Tag über unsere Familie
erzählen. Die meisten haben einfach drauflos geredet: „Meine Eltern und ich waren
im Urlaub…“ oder „Am Wochenende haben wir zusammen gekocht…“. Ich war
irgendwann auch an der Reihe und habe vorne gestanden. Alle haben mich
angeschaut. „Meine Eltern sind getrennt“, habe ich gesagt. Mehr ist mir nicht
eingefallen. Meine Stimme klang irgendwie fremd. Ein paar haben einfach genickt,
als wäre das nichts Besonderes, und ich hab mich schnell wieder hingesetzt. Aber in
meinem Kopf ist dieser Satz die ganze Zeit geblieben.
Mittwochs gehe ich immer zu Papa. Das steht so im Kalender, den Mama an den
Kühlschrank gehängt hat. Da sind bunte Striche und kleine Notizen, alles ordentlich,
damit nichts durcheinanderkommt. Manchmal starre ich auf ihn, auch wenn ich
genau weiß, wann ich wo bin. Trotzdem fühlt es sich oft so an, als wäre mein Leben
in kleine Kästchen eingesperrt.
Heute war wieder so ein Tag. Nach der Schule bin ich langsam nach Hause
gelaufen. Die anderen sind lachend an mir vorbeigegangen, aber ich hatte keine Lust
zu reden. Mein Ranzen war schwer, aber nicht nur wegen den Büchern. Zu Hause
hat Mama wie immer gefragt: „Na, wie war’s?“ „Gut“, hab ich gesagt. Aber es war
nicht gut, es war einfach nur okay, und selbst das stimmt eigentlich nicht ganz.
Zuhause angekommen bin ich in mein Zimmer gegangen und habe meine Tasche für
Papa gepackt. Ein Pulli, meine Zahnbürste, ein Buch, das ich eh nicht weiterlese.
Alles wie immer. Immer die gleichen Sachen, immer die gleichen Bewegungen. Nur
ich hab mich diesmal nicht gleich angefühlt. Ich hab den Pulli genommen und ein
bisschen zu fest in die Tasche gestopft. Dann noch einen. Und noch etwas. Der
Reißverschluss hat sich gewehrt, aber ich hab einfach weitergezogen. Auf meinem
Bett lag mein Kuscheltier und hat mich angeschaut, als würde es fragen, wo es heute
hingehört. Ich habe es in die Hand genommen und leise gesagt: „Du kannst nicht
überall gleichzeitig sein.“ Dann hab ich gemerkt, dass ich das gar nicht zu dem
Kuscheltier gesagt habe, sondern zu mir.
In meinem Bauch hat sich alles zusammengezogen. So ein komisches Gefühl, als
würde innen drin alles durcheinanderfliegen. Ich war traurig, aber auch wütend. So
richtig wütend. Und müde. Müde davon, immer zu wechseln, immer stark zu sein und
immer so zu tun, als wäre alles ganz normal. Genau da hab ich beschlossen, meine
Welt in die Luft zu werfen. Nicht mit einer Explosion und nicht so, dass etwas
kaputtgeht, sondern so, dass endlich mal etwas anders wird.
Ich habe die Tasche zugemacht, aber diesmal nicht ordentlich. Der Reißverschluss
war halb offen und es war mir egal. Dann bin ich in die Küche gegangen. Mama
stand am Herd und hat etwas umgerührt. Es hat nach Essen gerochen, aber ich
hatte keinen Hunger. Sie hat mich kurz angeschaut und ich glaube, sie hat sofort
gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Und diesmal hab ich nicht gelogen. „Ich will das
nicht mehr“, hab ich gesagt. Erst leise, dann lauter. Mama hat die Tasse abgestellt
und gefragt: „Was meinst du?“ „Das alles!“, hab ich gesagt und mit den Händen in
der Luft herumgefuchtelt, weil ich nicht wusste, wie ich es sonst erklären soll. „Immer
hin und her! Immer so tun, als wäre es okay! Es ist nicht okay!“ Meine Stimme war
laut und plötzlich kamen mir die Tränen. „Ich habe das Gefühl, ich gehe kaputt“, habe
ich leiser gesagt. „Ich habe nicht ein Zuhause. Ich habe zwei, aber irgendwie auch
keins richtig.“ Da hat Mama mich ganz fest umarmt. „Das tut mir leid“, hat sie leise
gesagt. „Wirklich.“ Ich habe mein Gesicht in ihren Pulli gedrückt und geflüstert: „Ich
will nicht mehr so tun.“ Und sie hat gesagt: „Dann musst du das auch nicht mehr.“
Am Abend bei Papa war es zuerst komisch. Alles war wie immer. Er hat gelächelt,
gefragt, ob ich Hunger habe, und so getan, als wäre alles normal. Ich saß auf dem
Sofa und habe meine Hände angeschaut. Früher hätte ich einfach mitgemacht, aber
heute nicht. Ich habe mich an meinen Entschluss erinnert. An meine Welt. „Papa?“,
hab ich gesagt. „Ja?“ „Ich find das doof.“ Er hat mich überrascht angeschaut. „Was
denn?“ „Alles“, hab ich gesagt. „Dass du nicht mehr bei uns wohnst. Dass ich immer
wechseln muss. Dass ich nie weiß, wo ich richtig hingehöre.“ Es war kurz still. Ich
dachte schon, ich habe etwas Falsches gesagt, aber dann ist er zu mir gekommen
und hat sich neben mich gesetzt. „Ich find das auch doof“, hat er gesagt. „Sehr
sogar.“ Das hat mich überrascht. Wir haben dann lange geredet. Nicht perfekt, aber
ehrlich.
Später lag ich im Bett und habe an den Tag gedacht. Das Gefühl in meinem Bauch
war noch da, aber nicht mehr so schwer. Vielleicht ist das so, wenn man seine Welt
in die Luft wirft. Sie zerbricht nicht, aber alles fliegt durcheinander und landet anders
als vorher. Und vielleicht ist das gar nicht so schlecht.