125 Jahre Vermessungsamt Heidelberg
Vom Geometer zum Laserscanner – ein Amt im Wandel der Zeit
Wie groß ist ein Grundstück? Wo verläuft seine Grenze? Wie lässt sich eine ganze Stadt digital abbilden? Mit diesen und vielen weiteren Fragen beschäftigt sich das Vermessungsamt der Stadt Heidelberg, das in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen feiert. Zum Jubiläum blickt das Vermessungsamt auf wichtige Stationen seiner Geschichte zurück. Im Laufe der Jahre hat sich die Arbeit grundlegend verändert: aus Messlatte, Fluchtstab und Theodolit wurden elektronische Tachymeter, Satellitennavigation, Laserscanner und Drohnen. Aus Flurkarte und Flurbuch wurde ein digitales Liegenschaftskataster, aus einzelnen Messpunkten entstanden dreidimensionale Modelle.
Die Zeitreise führt dabei durch drei große Entwicklungsphasen: von den Anfängen der Vermessung über die Erweiterung der Aufgaben bis in die digitale Welt von heute.
„Was man nicht sieht, ist oft das, worauf alles andere aufbaut: Seit 125 Jahren sorgt das Vermessungsamt dafür, dass Heidelberg maßgenau erfasst, geplant und entwickelt werden kann. Ob bei der Entwicklung neuer Quartiere, bei Bauvorhaben, im Grundstückswesen oder mit exakten Geodaten – die vielfältigen Aufgaben des Amtes bilden eine wichtige Grundlage für zahlreiche Entscheidungen und Projekte der Stadt. Dabei ist Vermessung längst nicht mehr nur eine Frage von Maßband und Messlatte: Mit modernster Technik, digitalen 3D-Modellen und hochpräzisen Geodaten arbeitet das Vermessungsamt heute auf dem neuesten Stand der Technik. So macht es unsere Stadt sichtbar, planbar und zukunftsfähig“, sagte Erster Bürgermeister Jürgen Odszuck bei einem Pressetermin am 29. September 2026 im Vermessungsamt.
„Würde man Alexander von Humboldt und Carl-Friedrich Gauß, beide spätestens seit Kehlmanns ,Vermessung der Welt‘ auch einem breiteren Publikum geläufig, mit unseren heutigen Möglichkeiten konfrontieren, wären sie vielleicht überrascht, aber doch gelassen genug, um zu antworten: Diese Messtechniken und der Umgang mit den Daten sind ein Segen; sie haben uns gefehlt! Beide begnadete Geister und Begeisterte unserer Zunft, der eine mehr theoretischer Natur, der andere geprägt vom Forschen und praktischen Ausprobieren, hätten sich wohl kaum träumen lassen, dass früher jahrelange Forschungsreisen durch wenige Minuten eines Satellitenüberflugs ersetzt werden oder dass komplexe mathematische Formelkonstrukte mit Computertechnik in Sekundenschnelle einer Lösung zugeführt werden. Dramaturgisch nicht ganz so beeindruckend, aber doch so ähnlich darf man sich den in den letzten 125 Jahren vollzogenen Wandel in der Heidelberger Stadtvermessung vorstellen“ ergänzte Hans Peter Jelinek, Leiter des Vermessungsamtes.
Wie fing alles an? Als Vermessen noch echte Handarbeit war
Am Anfang stand eine einfache, aber grundlegende Aufgabe: Grund und Boden sollte zuverlässig vermessen, dokumentiert und geordnet werden. Die Katastervermessung und die Führung des Liegenschaftskatasters schufen die Grundlage dafür, Grundstücke eindeutig zu erfassen und Eigentumsverhältnisse nachvollziehbar zu dokumentieren.
Heute kümmern sich 42 Beschäftigte im Amt um die Bereiche Vermessung, Liegenschaftskataster, Gutachterausschuss und Geographisches Informationssystem. Zum Aufgabenspektrum gehören im Wesentlichen Grundstücks- und Bauvermessungen, der amtliche Stadtplan, das Liegenschaftskataster, die Bereitstellung von Geodaten und die Grundstückswertermittlung.
Der Aufbau der Stadtvermessung fiel in eine Zeit, in der Heidelberg stark im Wandel war. Vermessen bedeutete damals noch viel Handarbeit. Messlatten, Fluchtstäbe, Winkelprismen und Theodolite gehörten zum täglichen Arbeitsgerät. Die Ergebnisse mussten vor Ort aufgenommen, berechnet, gezeichnet und dokumentiert werden.
Das Vermessungsamt bewahrt auch heute noch einen umfangreichen analogen Bestand, der die Entwicklung Heidelbergs über viele Jahrzehnte dokumentiert. Dazu gehören rund 7.500 Pläne und Karten, etwa 400 gebundene Bücher mit Vermessungsunterlagen sowie rund 35.000 lose Fortführungsnachweise – Unterlagen, in denen Veränderungen an Grundstücken und Vermessungsdaten fortlaufend dokumentiert wurden.
Auch organisatorisch entwickelte sich die Stadtvermessung weiter. Im Jahr 1899 wurde beim städtischen Tiefbauamt der erste Geometer angestellt. Ab dem 1. Januar 1901 nahm die Stadtvermessung Heidelberg als eigenständige Institution ihre Arbeit auf. Neben der Zuständigkeit für ingenieurtechnische Vermessungsarbeiten war das neu gebildete Städtische Vermessungsamt nun autorisiert, auch die hoheitlichen Grundstücksvermessungen in Heidelberg auszuführen. Mit der Übertragung der Führung des amtlichen Liegenschaftskatasters 1921 wurde das hoheitliche Aufgabenspektrum vervollständigt. Damit waren die Informationen über die Grundstücke für kommunale Aufgaben unmittelbar in Heidelberg verfügbar. Mit den Eingemeindungen von Kirchheim, Rohrbach und Wieblingen in den 20er Jahren wurde die zu bearbeitende Gemarkungsfläche erheblich erweitert.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde auch das Vermessungswesen neu geordnet und 1934 im gesamten Deutschen Reich vereinheitlicht und zentral gesteuert. In Heidelberg wurden Vermessungsdaten insbesondere für Steuererhebungen, Eigentumsfragen und die Stadtplanung genutzt. Aus dieser Zeit stammen unter anderem einheitliche Grundlagen für das Liegenschaftskataster, Vermessungsnetze für Lage- und Höhenangaben, die Bewertung landwirtschaftlicher Böden sowie einheitliche Karten. Diese Grundlagen wirken teilweise bis heute nach.
Als Heidelberg wuchs, wuchsen auch die Aufgaben
Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich Heidelberg – und mit der Stadt auch die Arbeit des Vermessungsamtes. Neue Wohngebiete und Gewerbeflächen wurden benötigt, Grundstücke mussten neu geordnet und für die bauliche Entwicklung vorbereitet werden. Vor allem zwischen 1950 und 1990 waren Baulandumlegungen ein Schwerpunkt der Arbeit des Vermessungsamtes: In diesen vier Jahrzehnten wurden in Heidelberg mehr als 400 Hektar Land für die bauliche Entwicklung bereitgestellt – darunter etwa 78 Hektar für das Gewerbegebiet Rohrbach-Süd (1970) und 10 Hektar für das Wohngebiet Kirchheim-Am Dorf (1995).
Seit Anfang der neunziger Jahre kamen weitere Aufgaben hinzu. Die Konversion ehemaliger Bahn- und militärisch genutzter Flächen stellt bis heute besondere Anforderungen an die Vermessung und ist ein Beispiel dafür, wie eng die Arbeit des Amtes mit der Stadtentwicklung verbunden ist. Seit Beginn wurden beteiligte Fachstellen und Büros mit Grundlagendaten, Beratungs- und Vermessungsleistungen für insgesamt fast 300 Hektar Konversionsfläche unterstützt.
Auch der Grundstücksmarkt wurde zu einem wichtigen Aufgabenfeld. Aus der kommunalen Schätzungskommission entwickelte sich ab 1961 der Gutachterausschuss für die Ermittlung von Grundstückswerten. Heute bilden unter anderem Kaufpreissammlung, Bodenrichtwerte und Grundstücksmarktbericht eine wichtige Grundlage für die Bewertung und Beobachtung des Heidelberger Grundstücksmarktes. 1.000 Kaufverträge werden jährlich für den Gutachterausschuss ausgewertet.
Straßennamen und ihre Bedeutung
Wenn Straßen neu- oder umbenannt werden, müssen Namen ausgewählt, Auswahlkriterien berücksichtigt und Entscheidungen dauerhaft dokumentiert werden. Die 2017 vom Gemeinderat eingesetzte und beim Vermessungsamt angesiedelte Kommission für Straßenbenennungen prüfte in 57 Sitzungen 319 personenbezogene Namen auf ihre historische Einordnung und heutige Angemessenheit. Dafür recherchierte sie historische Quellen und Biografien und stellte bei 58 Namen Belastungen fest; bei neun empfahl sie, eine Umbenennung zu prüfen. Zugleich erarbeitete sie neue Namensvorschläge, insbesondere für die Konversionsflächen. Seit 2017 wurden auf dieser Grundlage 34 neue personenbezogene Straßen- und Platznamen beschlossen. Ihre Arbeit schuf damit eine wichtige Grundlage für die Auseinandersetzung mit Heidelbergs Stadtgeschichte und der Frage, welche Persönlichkeiten im öffentlichen Raum geehrt werden. 2025 mündete sie in den Gemeinderatsbeschluss zur Umbenennung von sechs Straßen und einem Platz.
Deformationsmessungen
Deformationsmessungen liefern präzise Daten, um Veränderungen an Gebäuden oder im Gelände über längere Zeit zu erfassen. So überwacht das Amt beispielsweise die Bewegungen am Heiligenberghang. Bei Bauwerken wie der Alten Brücke kommen dafür moderne Laserscanner und Drohnen zum Einsatz, mit denen ihr Zustand präzise erfasst und dokumentiert wird.
Vom Theodolit zu GPS, Laserscanner und Drohne
Der Wandel der Aufgaben wäre ohne den technischen Fortschritt nicht denkbar. Heute stehen elektronische Tachymeter, GPS/GNSS, Laserscanner und Drohnen zur Verfügung. Besonders anschaulich wird die Entwicklung beim Blick auf die Datenerfassung: Waren es früher einzelne Messpunkte, können heute sogenannte Punktwolken mit Millionen von Messpunkten entstehen. Gebäude, Gelände und andere Objekte lassen sich auf diese Weise exakt digital erfassen. Aus Flurbuch und Flurkarte entwickelten sich das Automatisierte Liegenschaftsbuch und die Automatisierte Liegenschaftskarte. Heute werden die Informationen im Amtlichen Liegenschaftskataster-Informationssystem, kurz ALKIS, zusammengeführt.
Ein weiterer Schritt war1990 die Einführung des Geographischen Informationssystems (GIS). Das GIS des Vermessungsamtes ist die digitale Grundlage für die Verwaltung und Verknüpfung zahlreicher raumbezogener Daten der Stadt. Es ermöglicht, unterschiedliche Fachdaten auf gemeinsamen Karten zusammenzuführen und für Verwaltung, Planung und Öffentlichkeit nutzbar zu machen. Über das städtische Geoportal werden ausgewählte Informationen – etwa Bebauungspläne, Luftbilder, Liegenschaftsdaten oder Stadtteilgrenzen – auch für Bürgerinnen und Bürger zugänglich. Allein im GIS sind inzwischen 570 Kilometer Straßen und rund 50.000 Bäume erfasst.
Heute reicht der digitale Blick auf Heidelberg sogar in die dritte Dimension: Das 2017 in seiner heutigen Ausprägung eingeführte 3D-Stadtmodell ermöglicht neben der Darstellung auch verschiedene Mess- und Visualisierungsfunktionen. In langjähriger Vorarbeit sind 40.000 Gebäude dreidimensional erfasst worden.
Damit hat sich auch die Rolle des Vermessungsamtes verändert: Es geht längst nicht mehr allein darum, einen Punkt im Gelände möglichst genau zu bestimmen. Heute werden große Mengen räumlicher Informationen erfasst, verknüpft, aktuell gehalten und für Verwaltung, Planung und Öffentlichkeit nutzbar gemacht. Insgesamt umfasst der digitale Datenbestand rund 20 Terabyte – darunter Luftbilder, ALKIS-Daten und Laserscans. Auf DVDs gebrannt, ergäbe das einen Stapel von rund 35 Metern Höhe – höher als ein zehnstöckiges Gebäude.
Die nächste Generation der Vermessung
Und die Entwicklung geht weiter. Für die kommenden Jahre stehen bereits neue Themen auf der Agenda. Dazu gehören die flächendeckende Schaffung von Landeskoordinaten und die Einrichtung des Informationssystems Liegenschaftskatasterakten (ILKA). Auch Künstliche Intelligenz und Robotik sollen künftig verstärkt bei Mess- und Auswertesystemen eingesetzt werden.
Mit Building Information Modelling (BIM), Computer Aided Facility Management (CAFM) und digitalen Zwillingen entstehen weitere Möglichkeiten. Gebäude, Infrastruktur und Stadtraum können damit zunehmend nicht nur vermessen und dargestellt, sondern digital miteinander verknüpft und für unterschiedliche Anwendungen, beispielsweise in den Bereichen Planung, Mobilität, Hoch- und Tiefbau, genutzt werden.
125 Jahre Vermessungsamt zeigen damit vor allem eines: Die Werkzeuge haben sich verändert, die Aufgaben sind vielfältiger geworden und die Daten sind längst digital. Geblieben ist die zentrale Aufgabe, verlässliche Informationen über den städtischen Raum zu schaffen – als Grundlage für Eigentum, Stadtentwicklung, Bauen und Verwaltung.
Das Jubiläumsjahr geht weiter: Im Laufe des Jahres warten weitere Termine, spannende Videos und zusätzliche Inhalte auf der Jubiläumswebsite www.heidelberg.de/125jahrevermessungsamt.
Zahlen, Daten, Fakten
Heidelberg vermessen
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